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Herausgabe der Werke von Johannes Kepler

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Geschichte der Kepler-Kommission

Lange Zeit hindurch ist die Gesamtheit des Keplerschen Opus in seiner Vielschichtigkeit unbeachtet geblieben. Als einer der wenigen hat Leibniz in umfassender Weise an Kepler angeknüpft, so in erkenntnistheoretischen und naturphilosophischen Fragen und im Begriff der Weltharmonie.

Erst im Zuge des entstehenden deutschen Nationalgefühls im 19. Jahrhundert ist Kepler erstmals ausführlich gewürdigt worden, und zwar durch eine erste in acht Bänden angelegte Gesamtausgabe durch Christian Frisch (1807–1881), die Kepleri Opera omnia, der Jahre 1858 bis 1871 im Zusammenhang mit den Jubiläumsfeierlichkeiten zu Keplers 300. Geburtstag.

Zweifellos hat sich Frisch mit dieser vollständig in lateinischer Sprache abgefaßten Edition der Keplerschen Werke größte Verdienste um die Kepler-Forschung erworben, zumal er darum bemüht war, auch das gesamte handschriftliche Material für die Vorbereitung der Ausgabe heranzuziehen. Mit immer besserer Kenntnis des Keplerschen Opus sowie mit der Entdeckung weiterer, von Frisch noch nicht berücksichtigter Schriften traten nach der Jahrhundertwende inhaltliche und formelle Mängel der Frisch-Ausgabe zu Tage.

So wurde bald darauf im Mai 1914 der Plan zu einer umfassenden Neuausgabe durch Walther von Dyck (1856–1934), Rektor der Technischen Hochschule München, auf der Wiener Tagung des Verbandes deutscher wissenschaftlicher Körperschaften vorgelegt. Walther von Dyck hat die Kepler-Manuskripte reproduzieren lassen: Es gelang ihm unter Einschaltung diplomatischer Stellen, ab 1928 die Manuskripte Band für Band von St. Petersburg – damals noch Leningrad – nach München kommen zu lassen, wo Seite für Seite photographisch reproduziert und auf Karton aufgezogen wurde. Die Faksimiles der Kepler-Manuskripte bilden bis heute das wichtigste Arbeitsmaterial.

Der erste bedeutende Mitarbeiter war Max Caspar (1880–1856), der mit seiner Übersetzung von Keplers Mysterium Cosmographicum (Augsburg 1923) von Dycks Aufmerksamkeit erregt hatte. Ein wichtiger Anreger für beide war der Mathematiker Alexander von Brill (1842–1935) mit seinem ausgeprägten Interesse für Kepler, denn von Dyck hatte bei ihm studiert und wurde später sein Freund, während Caspar bei ihm 1908 promoviert hatte.

Caspar, ab 1934 mit der Herausgabe beauftragt, konnte das Unternehmen auch über die Kriegsjahre mit glücklicher Hand voranbringen. Franz Hammer (1898-1979), Bibliotheksrat von der Landesbibliothek Stuttgart, leitete die Kommission 1956-1976/9 trotz einer schweren Kriegsverletzung, wobei ihm Martha List (1908-1992) assistierte.

Besondere Verdienste hat sich auch der Physiker Walther Gerlach (1889-1979) erworben. Von 1976 bis 2003 wurde die Ausgabe von Volker Bialas (seit 1986 als wissenschaftlicher Leiter) betreut. Von 1984 bis 1999 hatte Ulrich Grigull (1912-2003), früherer Präsident der Technischen Universität München den Vorsitz der Kepler-Kommission inne und ab 1999 bis zum Ende Roland Bulirsch.

Literatur

Ulf Hashagen, Walther von Dyck (1856-1934). Mathematik, Technik und Wissenschaftsorganisation an der TH München, Stuttgart, 2003.

Ulrich Grigull, "Sechzig Jahre Kepler-Kommission", in: Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften [Sitzung vom 5. Juli 1996], 1996.

Petr Rezvykh/ Daniel A. Di Liscia/ Hella Kothmann/ Paul Ziche, " '...Der meine Liebe zu Kepler wendete'. Schelling und die Ausgabe der Werke Keplers", in: Akademie Aktuell 14 (2005/2), S. 26-29.